Heute Utopie, morgen Realität

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(erschienen in der J´N´C Ausgabe 1/13, Illustration von Frauke Berg/ www.bergwerk-illustration.com)

Es ist kein Geheimnis: Mode antizipiert. Geschaffen von der kreativen Vorhut unserer sozialen Karawane auf ihrem Weg durch die Zeit gibt sie jedem, der sie für sich entdeckt, ein starkes Gegenwartsgefühl. Man könnte sie als Oberfläche des Jetzt beschreiben, oder als kleinstes Rad im Getriebe der ästhetischen Innovation. Jenes, welches sich am schnellsten dreht.

Bei aller vordergründigen Pionierleistung stellt sich allerdings die Frage nach dem wahrhaftigen Innovationsgeist der Bekleidungsindustrie:

Woher rührt eigentlich die ungebrochene Vorherrschaft der Baumwolle? Wurde die Suche nach ernst zu nehmenden Alternativen möglicherweise mit der Einführung von Polyester und Viskose eingestellt? Und wieso bleiben wir in den Produktionsprozessen so weit hinter unseren Möglichkeiten zurück? Warum spielt Mode beim technologischen ‚Redesign‘ des Menschen augenscheinlich eine untergeordnete Rolle? Sollen die Superheroes von Morgen die Welt etwa unkostümiert retten?

Wer, wenn nicht die Mode?

Es ist schon erstaunlich: Da päppeln wir in aller Seelenruhe unser Tamagotchi auf, erfinden Computer, die sich höflich verabschieden, bevor sie das Zeitliche segnen, und optimieren unsere Körper durch plastische Chirurgie. Und was tut die Mode? Sie hält das Kreieren eines Kleidungsstücks mit mehr als einem Kragen für hochinnovativ. „Die Entwicklung und Anwendung neuer Technologien ist immer ein Spiel mit dem Feuer. Aber immerhin war auch die Erfindung des Feuers ein Spiel mit dem Feuer“, meint Hendrik-Jan Grievink, Researcher, Designer und Co-Gründer des Think Tank ,Next Nature‘. Gemeinsam mit seinem Partner Koert van Mensvoort hat er unlängst ‚Next Nature‘, das Buch veröffentlicht, das der immer stärkeren Durchmischung von (menschlicher) Natur und Technik nachspürt. Und Grievink hat Recht: Längst bewegen wir uns in einer Welt der identitätserweiternden Produkte. Doch warum überlässt die Mode die Entwicklung einer Brille mit integriertem Augmented-Reality-System klaglos Google? Könnte so etwas nicht auch Ray-Ban übernehmen?
Jacken, die sich wie ein Airbag aufblasen, wenn es zu einem stärkeren Aufprall kommt, eingearbeitete Solarzellen, LEDs, Computersysteme – all das wäre vom Stand der Technik her denkbar. Genau wie Kleidung, die sich über das Smartphone scannen lässt. Weshalb gelangen wir nicht per RFID-Code zu Hintergrundinformationen über den Herstellungsprozess oder werden wenigstens automatisch zu einem E-Commerce-Portal geleitet? Laut Anina, Ex-Supermodel und hitzige Verfechterin von Online-Technologien in der Modebranche, wäre das noch nicht einmal ein besonderer Kostenfaktor. „Das entsprechende Equipment für solche Funktionen kann man oft für geringes Geld in jedem Elektrofachhandel kaufen. Selbst kleinste Modelabels könnten sich das leisten. Dass so etwas nicht stärker umgesetzt wird, liegt einzig an den fehlenden Kenntnissen oder Impulsen“, so Anina in einem Vortrag auf dem Berliner ‚Beyond Fashion Summit‘ im vergangenen November.
Um mit Gabriele Henkel aus der Henkel-Dynastie zu sprechen: „Technikfeindlichkeit erklärt sich häufig aus dem Umstand, dass man die Bedienungsanleitung nicht versteht.“ Bevor man über der Anleitung grübelt, wäre es allerdings sinnvoll, das betreffende Gerät erst einmal in die Hand zu nehmen: Machen statt zweifeln. Für Anina, die mit ihrer Wahlheimat China in einem Land der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten lebt, ist es unverständlich, wie die vermeintlich so zukunftsversessene Modebranche die Anwendung solcher breit eingeführter Technologien verschlafen kann. Mit ihrer Plattform ‚360Fashion.Net‘ möchte sie das ändern, indem sie hier über neueste Kommunikationstools informiert. Und nicht nur das: Anina entwickelt interaktive Online-Magazine, was ihr jüngst den Titel ‚Nokia Developer Champion‘ einbrachte.

Weder Zeit noch Geld

Mode hat das Zeug dazu, sich von einer subtilen Kommunikationsform zu einem konkreten Sprachwerkzeug zu mausern. Sie verfügt über das Potenzial, die Realität des Trägers auch außerhalb des engen ästhetischen Rahmens zu erweitern. Warum also lässt sie ihre Möglichkeiten weithin ungenutzt? Eine denkbare Erklärung liegt in der Massenproduktion, mit der intelligente Kleidung kaum vereinbar scheint, selbst nicht bei serienmäßiger Herstellung. Denn diesem Herstellungsprinzip liegt das Leitmotiv der kurzfristigen Profitabilität zugrunde. Die Branche ist darauf ausgerichtet, alle sechs oder drei Monate, teilweise auch alle vier Wochen, neue Kollektionen auf den Markt zu bringen, deren Wert quasi innerhalb desselben Zeitraums verpufft. Tatsächliche Innovation setzt sich jedoch oft erst mittel- bis langfristig durch, da sie mehrere Phasen der Optimierung benötigt. Investitionen in neue Technologien muss man sich leisten wollen. Ist das Interesse an Neuerung jedoch vordergründiger Natur, und schielt ein Unternehmen in erster Linie nach zusätzlichen Verkaufsargumenten zwecks schnellen Profits, kann auch der Fortschritt nur ein relativer sein.
Hinzu kommt: Auch der Verbraucher muss sich erst einmal mit seinen Möglichkeiten vertraut machen. In ihm muss die Erkenntnis heranreifen, mit einem neuen Produkt die Aussicht auf ein besseres, schnelleres oder komfortableres Leben zu kaufen. Beim Smartphone dauerte dies zwar nur wenige Monate – in der schnelllebigen Modebranche kommt der Zeitraum allerdings einer halben Ewigkeit gleich. Da reicht es eben nur zu kleinen Zündeleien wie thermoaktiven Farben oder Nylonstrümpfen mit Aloe-Vera-Molekülen, die sich beim Tragen aufreiben und pflegend auf die Beine einwirken. Aber seien wir doch mal ehrlich: Derartige Neuheiten haben ein wenig Ähnlichkeit mit Diät-Cola, die bei tatsächlichem Übergewicht die Sache nur verschlimmbessert. Ist es vermessen, solchen Produkteinführungen halbseidene Absichten nachzusagen?
Schon möglich, dass Sport- und Outdoor-Bekleidung eine gewisse Ausnahme bildet. Schließlich steht sie im täglichen Kampf um Atmungsaktivität, Wärmedämmung und Feuchtigkeitsregulierung ihren Mann, bisweilen sogar noch bei zweistelligen Minusgraden. Dass sie sich mit konkreten Problemstellungen beschäftigt, mit den speziellen Erfordernissen beim Sport oder extremer Witterung zum Beispiel, rechtfertigt ihren Erfolg jedoch nur teilweise. Wer benötigt zum Brötchenholen beim Bäcker um die Ecke denn schon Funktionskleidung? Das anhaltende Wachstum des Outdoor-Marktes lässt sich kaum damit erklären, dass wir in unserem Alltag zunehmend Extremsituationen ausgesetzt wären, eher schon mit unserer Vorstellung, wir könnten mithilfe der richtigen Jacke verwegener aussehen.
Sollte aber tatsächliche Innovation nicht ein höheres Ziel verfolgen und ausbaufähig für die Zukunft sein? Wenn sie schon nicht die Welt retten kann, sollte sie dann nicht zumindest einen deutlichen Mehrwert für den Nutzer besitzen, der über das ersparte Eincremen am Morgen hinausgeht? Und sollte sich dieser Mehrwert nicht ganz konkret auf den Alltag der Mehrheit beziehen, jenes Leben in klimatisch gemäßigten Zonen also? Die Automobilindustrie macht es vor. Hier kommen zunehmend Faserverbundwerkstoffe und technische Textilien zum Einsatz. Mit diesen leichten Materialien erhofft man sich, maßgeblich zur Entwicklung einer neuen Generation von energieeffizienteren Autos beizutragen. Es geht also um neue Funktionen – genau wie in der Medizin, die ebenfalls an Fasern forscht. Herzklappen aus Stoff, Kleidung, die Hautleiden lindert, wärmeleitende Armstulpen für physikalische Therapien, das Shirt, welches gleichzeitig als EKG fungiert und diese Daten automatisch zum Arzt überträgt – was sich nach Science-Fiction anhört, ist bereits medizinischer Alltag.

Baumwolle ist nicht das letzte Wort

Natürlich hat sich auch die Textilindustrie in den letzten Jahren weiterentwickelt. Doch nimmt man die Entwicklungen gesondert unter die Lupe, lassen viele an Zukunftsfähigkeit vermissen. Naturfasern wurden im Anbau optimiert? Prima, stünde dies nicht in direktem Zusammenhang mit dem Einsatz komplexer Chemikaliencocktails zur Schädlingsbekämpfung und genmanipulierten Saatguts. Genmanipulation – im Sinne der Biodiversität und des nachhaltigen Landbaus ganz sicher kein Zukunftsprojekt. Höchstens im negativen Sinne: Fast 90 Prozent des Sojas und der Baumwolle aus den USA, einem der Hauptexporteure, sind heute schon genmanipuliert. Eine Durchmischung gentechnikfreier und manipulierter Saat in den Anbaugebieten scheint vorprogrammiert.
Ohnehin ist der Textilindustrie liebste Faser, die Baumwolle, angesichts ihrer Ressourcen- und Kostenintensität mittlerweile in die Kritik geraten. Gut, dass sich heute bereits aus einer Vielzahl anderer Rohstoffe Fasern entwickeln lassen. Allerdings: Sei es nun Soja, Mais oder Bambus – in den meisten Fällen werden die neuen Fasern im Viskoseverfahren hergestellt. Es handelt sich also um Zellulosefasern, die mithilfe verschiedener Chemikalien zu einem Garn verarbeitet werden. Bei diesem Verfahren ist das Ausgangsmaterial insofern uninteressant, als seine Eigenschaften in der Herstellung verlorengehen. Bambus beispielsweise, eine schnell und unkompliziert wachsende Pflanze, die als Rohstoff tatsächlich sehr nachhaltig ist, büßt einen Großteil seines ökologischen Vorsprungs während der Verarbeitung wieder ein.
Eine industriell in großen Maßstab umsetzbare Option: Recyclingfasern. Zwar handelt es sich zumindest im Bereich der Naturfaser oft um Downcycling – die Qualität vermindert sich also im Verfahren. Doch die Vermeidung eines weiteren Rohstoffverbrauchs ist tatsächlich in jeglichem Sinne zukunftsweisend und birgt die Chance auf einen nachhaltigen Strukturwandel. Nicht nur Baumwolle, auch PET kann vollständig recycelt werden, beispielsweise zu Shirts. Ein Grund, um an dieser Stelle zu betonen: Polyester ist in der Anwendung besser als sein Ruf.

Augen auf und durch

Schnell merkt man, dass sogenannte neue Materialien nur dann von der Industrie akzeptiert werden, wenn ihre Gewinnung alten Mustern folgt. Denn dann bleibt die Investition überschaubar. Außerdem müssen die Platzhirsche unter den Produzenten und Zulieferern in dem Fall keine neue Konkurrenz fürchten. Mehr noch: Sie vermeiden das Risiko, sich selbst wegzurationalisieren. Denn Innovation kann auch Rückbesinnung auf Altbewährtes bedeuten – wie etwa Hanf. Genau wie Bambus benötigt Hanf wesentlich weniger Wasser als Baumwolle. Aufgrund seiner Cannabinoide kommt er im Anbau ohne Schädlingsbekämpfungsmittel aus. Und er ist dankbar und vielfältig in der Verarbeitung. „Der Hanfanbau leidet unter einem starken Entwicklungsdefizit, da er lange Jahre hinweg verboten war. Daher müssen wir heute viel in die Forschung vom Anbau über die Ernte hin zur Verarbeitung investieren“, so Tilman Herzog, Presseverantwortlicher der Marke HempAge. Dennoch lohne sich die Arbeit mit Hanf. Seine Basiseigenschaften würden für die Zukunft viel versprechen, wenn sich erst einmal der Entwicklungsknoten löse.
Hanf – nur ein Beispiel einer ganzen Reihe von Naturfasern, deren Potenzial noch lange nicht so ausgeschöpft ist. Bei den tierischen Fasern sieht es ähnlich aus. „Es gibt sehr viele Tiere, die sich einen Kokon bauen“, merkt Beth Mortimer in einem Interview mit der Textilwirtschaft an. Als Mitglied der Oxford Silk Group forscht sie an der Oxford University an Materialien, welche aus Spinnenfäden hergestellt werden. Diese seien zwar äußerst reißfest, aber allein schon wegen der zu Kannibalismus neigenden Spinnen, welche sich ungerne domestizieren lassen, kaum im großen Stil herstellbar, gibt Mortimer einschränkend zu bedenken. Dennoch: Seide hat verschiedene Gesichter.
Auch die Zellulosefaser kann mehr als nur Chemiekeule. Das wohl bekannteste Beispiel: Tencel von Lenzing. Die österreichische Firma entwickelte dazu eigens ein Verfahren, das nach eigenen Angaben mit untoxischen Lösungsmitteln auskommt. Am Central Saint Martins College forscht Suzanne Lee. Sie hat eine Möglichkeit gefunden, eine Zellulosematte, die durch die Fermentation von grünem Tee durch Mikroben entsteht, zu trocknen und wie Textil zu verarbeiten. Ihre Forschung steht zwar noch ganz am Anfang, denn das Material speichert gerne und viel Wasser (bis 98 Prozent seines Eigengewichts). Dennoch verspricht bakteriell erzeugte Zellulose eine feinere Haptik als pflanzliche. Hinzu kommt: Das Material von Suzanne Lee ist vollständig biologisch abbaubar. „Das langsame Wachstum sowie der im Vergleich mit pflanzlicher Zellulose etwa 100 Mal höhere Preis verhindern bislang die breite industrielle Verwendung“, so Dr. Sascha Peters von der Agentur Haute Innovation.
Aber die Utopie von heute ist ja bekanntlich die Realität von morgen. Für synthetisch hergestellte Fasern bricht Peter Waeber, Gründer des Bluesign-Standards, eine Lanze. Für ihn steckt in der Synthetikfaser viel mehr Potenzial für die Zukunft, als ihr Ruf in der Öffentlichkeit vermuten lässt – auch im Sinne des Umweltschutzes. Die üblichen Verfahren und verwendeten Substanzen spiegelten bei Weitem nicht den aktuellen technologischen Stand wider. „Chemie ist nicht unweigerlich schlecht. Wir brauchen nur die richtigen, die intelligenten Prozesse“, konstatiert Waeber. Außerdem: Machen wir uns nichts vor. Auf ein Kilo Textil kommen aktuell bis zu 1,5 Kilo Chemie, und zwar in der konventionellen Pflanzenfaserverarbeitung.

Eine Vision! Ein Ziel!

Wir fassen zusammen: Bezüglich der Materialinnovationen, der Funktionserweiterung von Kleidung und der Fertigungsprozesse sind wir technologisch viel weiter, als es der Markt widerspiegelt. Die Hauptgründe für die zeitliche Verzögerung liegen in den sich zunehmend beschleunigenden Modezyklen und der hohe Preissensibilität des Markts. Doch steht das Rad der technologischen Innovation still, verliert auch das Rädchen der ästhetischen Innovation an Fahrt. Es sind also jene Unternehmen besonders pfiffig, die diese Zeit/Preis-Krise heute schon erkennen und auf ein neues Pferd setzen. Dabei sollten sie Demut vor der bevorstehenden Aufgabe zeigen und den Weg zu unterstützenden Experten und Wissenschaftlern finden. Fortschritt kann durchaus mit einer Verlagerung von wirtschaftlichen Interessen einhergehen und vorerst eine Entschleunigung zur Folge haben.
Wichtig zudem: den edukativen Auftrag an seine Kunden wahrzunehmen. Denn diese müssen in den Entwicklungsprozess integriert werden. Da ist es kein Fehler, wenn man ihnen Innovationen erklärt, Vorteile aufgezeigt und eine eigene Rolle zuweist. Im Falle des Smartphones dauerte dies vergleichsweise kurz, trotz dessen komplexer Funktionsweise. Warum also gehen wir in puncto Mode davon aus, dass die Leute allenfalls in der Lage sind, eine Waschanleitung zu verstehen? Dass sie zu faul sein könnten, mehr zu tun, als mal ein Winterfutter aus einem Mantel zu knöpfen? Oh nein. Da geht viel mehr, solange man sie mit auf die Reise nimmt. Um mit Saint-Exupéry zu sprechen: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, die Holz beschaffen, Werkzeuge vorbereiten, Holz bearbeiten und zusammenfügen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, unendlichen Meer.”