Schwarz-Weiß ist nicht alles

ModeUndAfrika_klein

Dieser Artikel wurde von Fredericke Winkler für die Ausgabe 3/12 des Magazins J’N'C geschrieben und von Frauke Berg illustriert. Wir danken für die Erlaubnis, ihn auf unseren Blog zu veröffentlichen.

Es wäre geradezu albern zu fragen, ob Afrika unseren globalen Musikgeschmack beeinflusst hat. Wohl kaum ein musikalisches Genre, das frei von afrikanischen Einflüssen ist. Rock´n´Roll, Blues, Jazz, Reggae, Dub, HipHop, letztlich der gesamte Pop – was bliebe schon übrig, versuchten wir, die schwarzen Bestandteile unserer Musikkultur auszuklammern? Leider erscheint es auf den ersten Blick fast ebenso albern wissen zu wollen, inwieweit Afrika die globale Modekultur prägt. Man erhielte womöglich die unsichere Gegenfrage, inwiefern Naomi Campbell noch als afrikanisch gelten mag, oder ob man bei Altkleidern von Mode sprechen kann.

Eigentlich erstaunlich, wie wenig wir Mode mit Afrika verbinden. Nicht nur angesichts eines Yves Saint Laurent, aufgewachsen in Algerien, und eines Alber Elbaz, der aus Marokko stammt. Oder, weil Top-Models wie Alek Wek und Waris Dirie in der Subsahara großgeworden sind. Immerhin liegt auf dem Schwarzen Kontinent oftmals der Ursprung unserer Kleidung – und zugleich ihre letzte Bestimmung: Neben den USA und Zentralasien gehörte Afrika zu den drei großen Lieferanten von Baumwolle und empfängt heute im Gegenzug jährlich über 400.000 Tonnen abgelegte Kleider, vornehmlich aus den Spendencontainern an unseren Straßenecken. Unser Desinteresse mag daher rühren, dass dem rohstoffreichen und dennoch ärmsten Kontinent der Welt zwei Glieder der textilen Wertschöpfungskette zufallen, die wir allenfalls mit ‚Bekleidung‘, nicht aber mit ‚Mode‘ in Zusammenhang bringen. Unsexy zudem: das schlechte Gewissen in Anbetracht der Opferrolle Afrikas zugunsten unseres westlichen Luxus. Denn Tatsache ist, dass die afrikanischen Länder aus ihrer Einbindung in die globale Bekleidungsindustrie zu keiner Zeit wirklich Profit schlagen und dennoch massiv von ihr abhängig sind.

Der Kampf um das weiße Gold

Mehr als 20 Millionen Menschen leben in Afrika von der Baumwollproduktion, etwa in Burkina Faso, Benin oder Tansania. Ihre Rohstoffe machen immerhin fünf Prozent der weltweiten Baumwollproduktion aus. Doch die afrikanische Baumwolllandwirtschaft ist sehr kleinteilig: Einzelne Bauern bestellen geringe Flächen Land und bemühen sich im Alleingang, ihre Ernte zu verkaufen. Solchermaßen auf sich selbst zurückgeworfen, fällt es zunehmend schwer, sich gegen Mitbewerber wie Indien und China zu behaupten – Länder, in denen die Bauern dank Clusterbildung von Größeneffekten profitieren. Zum anderen werden die internationalen Baumwollpreise durch staatliche Subventionierung der Baumwollwirtschaft, etwa in den USA, künstlich niedrig gehalten. Viele Entwicklungshilfeorganisationen und Initiativen für Menschenrechte monieren dies seit Jahrzehnten und bemühen sich um Ausgleich.

Eine der ältesten Initiativen ist ‚Fair Trade‘. Die Handelspartnerschaft mit dem gleichnamigen Siegel setzt sich weltweit für die Stärkung der Position einzelner Bauern ein, insbesondere durch die Garantie höherer Mindestpreise. Im Gegenzug formuliert Fair Trade soziale, ökonomische und ökologische Standards, die von den Bauern einzuhalten sind. Ein lobenswertes Konzept, allerdings mit einem Schönheitsfehler: Für den vergleichsweise teuren Rohstoff müssen sich Abnehmer finden, was manchmal der Fall ist, manchmal aber eben auch nicht.

2005 unter anderem von der Otto Group und Tom Tailor gegründet: die Initiative ‚Cotton made in Africa‘, kurz: CMIA. Hier steht die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit afrikanischer Baumwolle im Zentrum. So garantiert CMIA den Bauern eine Festabnahme, wenn diese an Fortbildungsprogrammen teilnehmen und die vermittelten Inhalte anwenden. Aufgezeigt werden in diesen Programmen beispielweise Mittel und Wege, um die Erträge im Rahmen möglichst natürlicher Anbaumethoden zu erhöhen. Befürworter halten dies für einen pragmatischen Ansatz zur Armutsbekämpfung. Kritiker werfen den an der Initiative beteiligten Unternehmen Rohstoffsicherung im postkolonialen Stil vor und verweisen auf wenig transparente Strukturen. Hinzu kommt, dass auch hier der Erfolg vom Kaufwillen derjenigen abhängt, an die sich CMIA wendet. Der zu geringe Weltbaumwollpreis bleibt Grundlage der Handelsvereinbarung.

Blinde Hilfe?

Was gut für die Bauern scheint, ist doch gesamtwirtschaftlich betrachtet nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn solange Afrika seine Rohstoffe unverarbeitet auf dem Weltmarkt anbietet, bleibt es abhängig von den Maßgaben seiner Abnehmer. Die Chance auf eine gleichwertige Partnerschaft erhielte der Kontinent erst dann, wenn er eine eigene funktionierende Textilindustrie vorzuweisen hätte, ein Kleidungsstück also sämtliche Schritte der Fertigungskette durchlaufen könnte – den Handel eingeschlossen. Undenkbar ist das nicht. Im Gegenteil: Schließlich haben textilindustriell geprägte Länder wie der Senegal und Südafrika dem Gros der europäischen Nationen voraus, dass sie auf eigene Rohstoffe zurückgreifen können. Dass Afrika auf eine lange Textiltradition zurückblickt, lässt sich ebenfalls nicht leugnen – ebenso wenig allerdings die Tatsache, dass diese Tradition durch die Kolonialisierung unterbrochen wurde.

Oberstes Ziel der Kolonialmächte, heißt es in ‚Kleider machen Beute‘, einer Veröffentlichung der sich für eine solidarischere Handelspolitik einsetzende Agentur ‚Südwind‘, sei „die wirtschaftliche Nutzung des Territoriums“ gewesen. „Zu diesem Zweck wurde eine möglichst funktionierende Infrastruktur eingerichtet“, so der Autor Hütz-Adams weiter. „Staatsbetriebe wurden eröffnet, Handelsmonopole zugestanden und an Privatfirmen Schürf- und Produktionsrechte vergeben. Jedwede heimische Konkurrenz, soweit sie bestand oder zu entstehen drohte, wurde verboten oder in den Konkurs getrieben, die lokale Bevölkerung als billige Arbeitskraft rekrutiert und nur für die Hilfstätigkeiten ausgebildet.“ In den postkolonialen 1970er Jahren habe man sich dann vor allem in Ostafrika bemüht, die alte Textiltradition wieder aufleben zu lassen, indem man das textile Gewerbe subventioniert sowie Expertise und Maschinen importiert habe. „Die Textilindustrie galt als ideales Entwicklungsprojekt: Textilien werden immer, in jeder Gesellschaft, dringend benötigt. Gerade für die Länder Afrikas prognostizierten Entwicklungspolitiker deutlich steigende Einkommen und eine dazu überproportional steigende Nachfrage nach Textilien – und somit einen schnell expandierenden Binnenmarkt.“

In den 1980er Jahren fand dieses staatliche Unterfangen allerdings sein jähes Ende. „Denn die Strukturanpassungsprogramme, die die Weltbank und der Weltwährungsfonds zur Voraussetzung für Schuldenerleichterungen gemacht hatten, hatten die meisten afrikanischen Staaten gezwungen, ihre hohen Subventionen für die Textil- und Bekleidungsindustrie einzustellen. In Ländern wie Ghana, Kenia, Uganda, Tansania oder Kamerun mussten kapitalintensive Textilfabriken nun die heimische Baumwolle zum Weltmarktpreis kaufen und Ersatzteile und Neuanschaffungen mit Devisen bezahlen“, erläutert Francisco Mari, Handelsexperte des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED), in einem Artikel für das christliche Online-Magazin ‚Welt-Sichten‘.

Der Einstieg in einen Teufelskreis: Durch das Streichen der Subventionen wurden Textilien made in Africa für weite Teile der afrikanischen Bevölkerung schlicht zu teuer. Die Textilproduktion geriet in eine Krise. Immer mehr Fertigungsstätten mussten aufgeben, und plötzlich schien das westliche Angebot an kostengünstigen Altkleiderlieferungen attraktiv. Die Folge: eine zweite große Welle von Schließungen. Statt einer eigenständigen Industrie entstanden so in den 1990er Jahren zwei problematische Teilbranchen: die an den Export von Baumwolle gekoppelte Landwirtschaft und der Handel mit Secondhand-Kleidung. Dies führte zwar partiell zu einer Stabilisierung der Versorgungs- und Wirtschaftslage, aber in keiner Weise zu einer nachhaltigen Besserung der (textil)wirtschaftlichen Gesamtsituation.

Mode dokumentiert Geschichte

Der Begriff Fashion-Victim – in Afrika kommt er zu ganz neuer Bedeutung: Während man im Westen über das Modediktat lamentiert und mit seiner vermeintlichen Opferrolle kokettiert, scheint das modische Schicksal des Schwarzen Kontinents tatsächlich besiegelt, muss dessen Bevölkerung doch das Stöffchen runterwürgen, das auf den Tisch kommt, erst aufgetragen von zahlreichen Kolonisten und dann von beflissenen Altkleiderhändlern.

Die Reaktion der Afrikaner? Nun, wie überall nimmt man die Gegebenheiten als Konvention hin und betrachtet sie als mehr oder weniger wichtigen Teil seiner vestimentären Identität. Auf dem Kontinent entpuppt sich die Dreifaltigkeit aus alter Tradition, Kolonialstil und westlichen Altkleidern als schillernde Basis neuer Mode. So haben die kongolesischen ‚Sapeurs‘ den Dandylook ihrer ehemaligen französischen Kolonialherren mit der Buntheit einheimischer Folklore kombiniert. Das Ergebnis: schmale Hosen und Jackets, komplettiert mit exaltierten Brillen, Pfeifen und Einstecktüchern. Ob Mustermix, ob Farbenbiss – solange der Anzug perfekt sitzt, ist alles erlaubt. Sogar eine eigene Community gibt es mittlerweile. Der Name: ‚Le Sape – Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes‘.

2009 hat Paul Smith diesen elaborierten Stil aufgegriffen und in eine Kollektion umgesetzt. Seine Erfinder leben indes vornehmlich in den armen Gegenden des Kongo, und nicht selten riskieren sie ihre Existenz für ihren Style. In ihrer Haltung erinnern sie dabei stark an die proletarischen Teddy Boys im England der 1950er Jahren, die eher auf Lebensmittel als auf ihren Maßanzug verzichtet hätten – nur dass diese Bewegung nicht annähernd so farbenprächtig war, wie jene der Sapeurs es ist. Ähnlich wie solche Jugendliche  die Modekonventionen ihrer Eltern auseinandernehmen und neu chiffrieren, hackt die afrikanische Fashion-Crowd die Codes der vermeintlichen Ziehväter aus Übersee und macht sie zu etwas Eigenem. Was man in Deutschland unter dem Namen ‚Humana‘ kennt, heißt in Afrika ‚Mitumba‘ und ist eine integrale Zutat für jeden Hipster.

Zeitalter neues Afrika

So schafft es Mitumba indes auf die internationalen Laufstege. Gerade in politisch stabilen afrikanischen Ländern entwickelt sich derzeit eine hochspannende und frische Modeszene fernab von Dritte-Welt-Laden-Muff. Die interessantesten Newcomer findet man auf der Arise Fashion Week, die, von der Herausgeberin des Arise Magazines und Autorin des Buches ‚New African Fashion‘, Helen Jennings, ins Leben gerufen, einmal jährlich in Lagos stattfindet. Im Rahmen ihrer Veranstaltungen und Publikationen zeigt Jennings ein ganz neues Gesicht Afrikas, dessen Markanz sie federführend mitprägt. Auf ihrer Fashion Week versammelt sie Brands wie Christie Brown aus Ghana, Tiffany Amber aus Nigeria oder Laurence Airline von der Elfenbeinküste, die in Sachen Frische und Komplexität locker mit den Neuheiten der westlichen Modemetropolen mithalten können, es aber – und das ist womöglich das Geheimnis ihrer Schönheit – überhaupt nicht wollen.

Die auf der Arise vertretenen Designer widerstehen der Versuchung, sich dem Modekanon anzubiedern. Safari-Klischees und Folklore-Kitsch? Fehlanzeige. Man gibt sich eigenwillig und pflegt selbstbewusst sein eigenes Schönheitsideal. Besonders beeindruckend dabei: das unglaubliche Gespür für Farben. Traditionelle Stoffe stehen im Mittelpunkt, werden aber auch gerne mal dekonstruiert. Kurz: Die Mode versteckt sich nicht. Sie hat eine starke und positive Attitüde. Kein Wunder, dass viele der Arise-Designer unterdessen auch in Paris und New York zeigen.

Stärker auf den Binnenmarkt bezogen ist die Swahili Fashion Week in Tansania. Hier präsentieren sich teils etablierte Designer, teils ein bemerkenswerter Nachwuchs. Anders als für Helen Jennings, die durchaus auch Designer fördert, die ihrer afrikanischen Heimat den Rücken gekehrt haben, steht für den Gründer der Swahili Fashion Week, Mustafa Hassanali, im Vordergrund, Afrika als Standort zu stärken. Damit gehört er zu einer wachsenden Gemeinschaft, die ‚Made in Africa’ als Gütesiegel einführen möchte.

Es wäre wirklich an der Zeit: Über Jahrhunderte hinweg ein ums andere Mal vom Westen sabotiert, hat die afrikanische Textilindustrie nun womöglich tatsächlich die Chance, auf die Füße zu kommen – zumindest dort, wo es die politische Lage erlaubt. Niemand, der nicht davon profitieren würde: Die Bauern könnten ihre Ernte lokal vertreiben. Es entstünde eine ernsthafter Bedarf an Spinnereien und Webereien und vor allem an verarbeitenden Produktionsstätten. Neue Arbeitsplätze könnten entstehen, lokal gefertigte Produkte im Preis wettbewerbsfähig werden. Gegebenenfalls fänden sie sogar im Produktionsland selbst ihren Absatz. Zumindest aber würde kein Rohstoff mehr in den Export gehen, sondern ein fertiges Kleidungsstück. Somit könnte Afrika den größten Anteil der Wertschöpfungskette für sich nutzen und als Modestandort an Attraktivität gewinnen. Eine Utopie?

Immerhin kann man die neue afrikanische Mode teilweise schon heute in Europa kaufen – Franca Sozzani sei Dank. Gemeinsam mit dem Online-Store ‚Yoox‘ hat die Herausgeberin der Italienischen Vogue einen Online-Shop namens ‚Discovered in Africa‘ eingerichtet. Sozzani ist bekannt für ihren Glauben an den afrikanischen Standort und ihren Einsatz für mehr Diversität in der Modebranche. Und ihre Leser geben ihr Recht. So sprengt die jährlich erscheinende ‚Black Issue’, in der ausschließlich schwarze Models zu sehen sind, alle üblichen Vogue-Verkaufszahlen.

Gehörten die 1970er den Italienern, waren die 1980er das Jahrzehnt der Japaner und standen die 1990er im Zeichen der amerikanischen Flagge, so haben wir die Hoffnung, dass im Laufe des zweiten Jahrzehnts im zweiten Jahrtausend Afrika der Modewelt zeigt, wo der Hammer hängt.